Der neueste IPCC-Klima-Bericht theoretisch, aber auch ganz „praktisch“ immer neue Rekord-Hitze, -stürme und fluten machen deutlich, dass wir dringend endlich effektiven Klimaschutz, und dafür eine effiziente Dekarbonisierung unserer gesamten Volkswirtschaft brauchen.

Doch um Klimaschutz & Energiewende ranken sich viele Halb- und Fehlinformationen – und auch einige Mythen. Mir schlagen in den unterschiedlichsten Kontexten, vom privaten Umfeld bis zu Twitter, von Energiewendekonferenztischen bis zum Wahlkampfstand immer wieder dieselben Fragen entgehen: Ist es nicht doch schon zu spät? Ist nicht zumindest das 1,5°-Ziel komplett unrealistisch? Können wir als Deutschland überhaupt etwas ausrichten? Ist das alles nicht viel zu teuer? Ist Wasserstoff-Import nicht viel billiger und einfacher?

Deshalb habe ich mir vorgenommen, diese und andere Mythen in einer Blog-Reihe einmal kurz zu analysieren. Habt ihr auch Fragen? Dann stellt sie mir!

Anfangen möchte ich mit einem Dauerbrenner, den selbst ausgewiesene Energiewendeexpert:innen gerne verwenden, nämlich:

Wir haben hier nicht genug Platz!

Doch, haben wir wohl! Und zwar mehr als ausreichend! 

Logo ist hier Platz!

Mit einem einigermaßen klugen, europaweiten Mix aus Solarenergie und Wind würden irgendwo zwischen 2 bis 4 Prozent der europäischen Fläche ausreichen, um die gesamte EU mit 100 Prozent erneuerbarer Energie zu versorgen – und zwar nicht nur für Strom, sondern auch für Wärme (die macht nämlich ca. 50 Prozent unseres Energiebedarfs aus) und Mobilität (30 Prozent). Aber eben auch, um die Industrie und unsere Landwirtschaft klimaneutral zu machen.

Biogasanlage mit Solardach und Windrad: Die direkte Nutzung von PV und Windenergie ist 20 mal flächeneffizienter als „Bio-Energie“

Zum Vergleich: Im Augenblick werden derzeit auf ca. 21 Prozent der Ackerfläche (oder gut 10 Prozent der Gesamtfläche) sogenannte „Energiepflanzen“ angebaut. Meist Raps und Mais, die dann zu „Biogas“ weiterverarbeitet oder sonstwie energetisch verwendet werden. Dieser konventionelle Anbau ist flächenintensiv und verursacht obendrein Artenschwund und Bodenerosionen. Noch dazu importieren wir gut 75 Prozent unserer Energie. Also: Statt 10 Prozent bräuchten wir nur 2 bis 4 Prozent – und das, obwohl wir dann keine Importe mehr bräuchten! Einen großen Teil dieser heimischen erneuerbaren Versorgung können wir zudem auf „versiegelten“ (also auf Dächern und an Fassaden), „gestörten“ (z.B. entlang von Autobahnen) oder auf schon für die Energiegewinnung zerstörten Flächen (ehemalige Braunkohletagebauten) oder aber auf See machen! 

Kein Platz? Nö, Kein Plan!

Krasserweise gibt es für die gern vorgebrachte Behauptung, es gäbe hier nicht genug Platz, keinerlei ernsthafte ganzheitliche Untersuchung! Die meisten Studien, und schlimmer noch die offiziellen Planungen!, betrachten immer nur einen Sektor (Strom) und/oder sie basieren nicht auf, auch nur ansatzweise, „Paris-konformen“ Annahmen (Not-so-much-fun-fact: wer sich durch die offizielle Energiewendeplanung der Bundesregierung klickt, landet bei einer Zielarchitektur aus dem Jahre 2011! In den letzten 10 Jahren sind aber allein die Kosten für Speicher um 90% gefallen, Photovoltaik ist heute doppelt so effizient UND deutlich billiger, Windräder sind sogar 4-5 mal größer. Kurzum: 

Natürlich ist hier Platz

Nach wissenschaftlichen Berechnungen, die wir als BAG Energie zusammen mit u.a. den BAGen für Landwirtschaft, Planen/Bauen/Wohnen und Mobilität & Verkehr gemacht haben, brauchen wir für eine Vollversorgung durch heimische Erneuerbare ungefähr 800 Gigawatt (GW) GW solare Stromerzeugung (Photovoltaik/PV), 250 GW Wind an Land und zudem gute 80 GW auf See. Das ist nicht wenig – Ja. Aber es ist halt auch deutlich weniger als bislang für die großflächige „Ver-Maisung“, bzw. „Ver-Rapsung“ der Landschaft draufgeht.

Versiegelte Flächen nutzen!

Aber ist der Platzbedarf nicht dennoch sehr groß? Nicht unbedingt. VIEL mehr Erneuerbare, heißt nicht, dass wir hier alles zupflastern. Denn: Alleine die Potenziale für PV gerade auf den versiegelten Flächen sind noch viel größer als gedacht: Neben gut 900 GW Potential auf Dächern, haben wir noch mal genauso viel Potenzial an Fassaden. Die „gestörten Flächen“, also etwa Brachen in Siedlungsflächen sowie Flächen entlang von Autobahnen und Bahntrassen, bieten noch mal zusammen mindestens 250 GW

Agri-PV

Und dann gibt’s da noch satte 1.800 GW Potential für gut in die Landschaft integrierte „Agrar-Photovoltaik“ (APV). Darunter fällt ein breites Spektrum von Systemen: Von intensiver Ackerkultur mit speziellen PV-Montagesystemen bis zu extensiv genutztem Grünland mit marginalen Anpassungen auf der PV-Seite und hohem Potenzial für Ökosystemdienstleistungen

Solarpark in Donaueschingen / Next2Sun GmbH

Allen APV-Systeme, ob nun Schutzdach für Wein oder Gemüse, oder einfach vertikale Flächenteiler, ist gemein: Sie steigern die Flächeneffizienz und ermöglichen einen massiven Zubau an PV-Leistung, bei gleichzeitigem Erhalt fruchtbarer Ackerflächen für die Landwirtschaft oder in Verbindung mit der Schaffung artenreicher Biotope auf mageren Böden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Aus Flächengründen müssen wir jetzt nicht große Teile des Landes mit „klassischen“ südwärts und relativ dicht auf Äckern aufgeständerten PV-Parks zubauen. 

Aber was ist mit Wind – das ist doch häßlich und wir können den Leuten nicht noch mehr zumuten

Naja, so fürchterlich hässlich sind Windmühlen nun auch nicht. Aber: Schönheit liegt natürlich immer im Auge des Betrachtenden. Und Windenergie wurde nun über viele Jahre gezielt problematisiert – übrigens unter maßgeblicherer Mithilfe führender Beamteter im für die Energiewende zuständigen Bundeswirtschaftsministerium.

Deshalb ist vielleicht sinnvoll die Argumente um Wind abzuschichten:

  1. Ganz grundsätzlich: Wir brauchen Wind an Land. 
  2. Die Probleme rund um Naturschutz sind längst technisch lösbar
  3. Mehr Leistung = weniger Anlagen
  4. Das Marktdesign bestimmt das Bewusstsein
  5. Landschaftintegration

Warum brauchen wir Wind (an Land) überhaupt?

Weil er sich so gut mit der Photovoltaik ergänzt. Denn bei uns weht der Wind gerne nachts und/oder im Winter. Also genau dann wenn die Sonne eben nicht, oder nicht sehr viel, scheint. Natürlich könnten wir auch alles mit PV machen. Oder umgekehrt alles mit Wind. Aber dann bräuchten wir VIEL mehr von der dann jeweils einzigen Technik. Sprich: je besser wir Wind und PV aufeinander abstimmen, desto weniger brauchen wir von beidem. Es ist eigentlich ein Riesenskandal, dass das zuständige Ministerium dazu in den letzten Jahren keine Berechnung, geschweige denn einen auch nur ansatzweise belastbaren Plan vorgelegt hat. Gottseidank gibt es aber viele fähige Institute, die solche Berechnungen gemacht haben. Im Ergebnis bräuchten wir für eine Energiewende mit der minimalen Anzahl von Solar- und Windanlagen etwas mehr Wind, als heute meist geplant. Aber es gibt natürlich noch andere Kriterien für ein Optimum: So ist Solarenergie tendenziell etwas günstiger – und sie lässt sich eben unter dem Strich leichter in die Landschaft integrieren.

Wind UND Vögel

Die Probleme rund um Naturschutz, spezifisch der Schutz von Greifvögeln und Fledermäusen (die nach unten schauen und deshalb manchmal in die Flügel der Anlagen gelangen) sind längst technisch (u.a. durch Warn- und Abschalteinrichtungen) lösbar – und werden in der Praxis auch gelöst. Andere Probleme wie der so genannte „Infraschall“ sind gar keine, bzw. wurden (vermutlich bewusst) um den Faktor 10 übertrieben. Außerdem wurde hier natürlich sehr gezielt mit zweierlei Maß gemessen: Es sterben um ein Vielfaches mehr Vögel durch Kollisionen mit Autos als durch Windräder – und aus irgendeinen Grund dürfen gefährliche und hochgiftige Kohle-, Gas-, Öl- und Atomkraftwerke viel näher an Siedlungen gebaut werden als Windräder.

Mehr Leistung = Weniger Windräder

Windräder werden immer größer; Quelle: Delphi234, CC0, via Wikimedia Commons

Wir brauchen gar nicht (so viel) mehr Anlagen – wir brauchen nur mehr Leistung. Es hat sich in den letzten Jahren auch in Sachen Windkraft sehr viel getan. Neue Anlagen an Land bringen es auf 5 Megawatt-Peak (MWp) und mehr, während die „alten“ Anlagen, die vor 10 oder gar 20 Jahren gebaut wurden, oft nur 0,75 MWp haben. Im Durchschnitt bringt es ein Windrad in Deutschland heute auf 1,7 MWp. Sprich: Wenn wir den Durchschnitt in den nächsten 15 Jahren auf mindestens den heutigen Neu-Anlagen-Standard heben, haben wir schon mal drei mal mehr. Also gute 150 GW. Fehlen natürlich noch 100 GW zu unserem Ziel von 250 GW. Die müssten aber größtenteils ohnehin in den südlichen Bundesländern entstehen. In Bayern, Baden-Württemberg, weil es da leider bislang kaum Windkraft gibt (siehe Grafik).

Natürlich würde sich auch im Norden die Fläche vergrößern – größere Anlagen müssen weiter auseinander stehen. Anderseits haben die großen Anlagen den Vorteil, dass sie sich gefühlt langsamer, bzw. „gemächlicher“ drehen und so weniger „stören“. (Das täuscht allerdings: In Wahrheit drehen sich große Anlagen außen sogar schneller, es wirkt aber deutlich langsamer, weil die Rotorblätter deutlich länger sind und deshalb der Zirkel, den sie beschreiben, deutlich größer ist.) 

Das Marktdesign bestimmt das Bewusstsein

Wie so vieles, ist auch Windenergie eine Frage der Perspektive. Oder um den armen Karl Marx für einen schlechten Kalauer zu missbrauchen: Das Marktdesign bestimmt das Bewusstsein. Denn ob die Menschen ein Windrad häßlich finden, hängt maßgeblich auch davon ab, WAS genau sie sehen, wenn sie es sehen. Energiewendefreund:innen sehen Klimaschutz, Turboliberale sehen Subventionen und Naturschützende machen sich Sorgen um Vögel. Andererseits sind sehr viele Menschen in Braunkohle-Regionen mächtig stolz auf ihre Tagebauten. Und unter uns: Die sind die gar nicht so hübsch. Die sind sogar eine klaffende Wunde, die auch durch Flutung und neuer Seenlandschaft, nur zugedeckt, nicht aber dauerhaft geheilt wird. Warum aber sehen die Menschen über eine so augenfällige Zerstörung hinweg, ja begrüßen sie teilweise sogar? Einfach, weil sie wissen, dass eben diese Braunkohle sie mit günstiger Energie versorgt und Wertschöpfung und in Folge Wohlstand in die ganze Region bringt. Das geht natürlich mit Windrädern auch: Wenn die Menschen wissen, dass das Windrad vor ihrem Dorf sie nicht nur mit günstigem Strom, sondern auch mit grünstiger grüner Energie für Heizen und Mobilität versorgt – und obendrein vielleicht die Kita und das Schwimmbad finanziert – ändert sich auch ihr Verhältnis zu den Windrädern. Leider ist heute das Gegenteil der Fall: Die Menschen in Regionen mit viel Windkraft müssen über höhere Netzentgelte sogar für den „Abtransport“ der grünen Energie zahlen, während die Gewinne meist in den Städten landen. Eine lokale Nutzung von Spitzen zum Heizen oder für Mobilität scheitert daran, dass zu den 5 Cent/kWh, die der Windstrom eigentlich kostet, noch mal 25 Cent an staatlichen Steuern, Abgaben und Umlagen (die dafür gängige Abkürzung heißt passenderweise StAU) drauf kommen. Das muss natürlich überhaupt nicht so sein. Das Energiemarktdesign ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern menschengemacht. Unser leider mittlerweile komplett dysfunktionales Energierecht reflektiert auch nicht, wie mensch vielleicht vermuten könnte, im Besonderen die Gesetze der Physik. Im Gegenteil: Es verhindert systematisch eine sinnvolle Integration von günstiger und sauberer aber eben fluktuierender grüner Energie. Aber dazu woanders mehr. Hier soll uns reichen: Wenn die Menschen wüssten, dass sie etwas von den Windrädern haben, würde sie sie auch wollen.

Landschaftintegration

Das gilt umso mehr, wenn wir bei der Planung darauf achten würden, dass die Windräder vernünftig in die Landschaft integriert werden. Leider werden Windparks aber vor allem danach geplant wo wem welches Land gehört – und wo welche Gemeindegrenze verläuft. Dabei sind Windräder zum Beispiel auf Bergrücken, und natürlich verlaufen gerade dort oft Gemeindegrenzen, besonders ertragreich – und passen da auch meist besser ins Landschaftsbild. Hinzukommen absurde Regelungen, die vorschreiben, dass Windräder mindestens zehn mal so weit weg von einer Siedlung stehen müssen, wie sie hoch sind. Dadurch steht unter dem Strich immer weniger Patz zur Verfügung – und die Windräder werden eben nicht dahin gebaut, wo sie gut hinpassen und viel Ertrag bringen!

Warum sagen das dann so viele?

Wenn ich das wüsste! Meine Vermutung ist, dass die meisten Menschen, wenn sie sich die Zukunft vorstellen, einfach die Vergangenheit mehr oder weniger linear fortschreiben: Alles so wie bisher – nur halt ein bisschen besser, bzw. mehr. oder wie der Auto-Pionier Henry Ford so schön gesagt hat: „Wenn ich die Leute gefragt hätte, hätten sie sich ein schneller Pferd gewünscht.“ Die Möglichkeit einer grundlegenden Transformation ziehen vielleicht Profis in Betracht – aber die sehen dann erst mal die Widerstände. Wie die New Yorker Stadtplaner ob des stetig wachsenden Pferdemistes den Kollaps der Stadt prognostizierten – bis dann halt das Auto kam, und New York doch noch mal 20-mal größer wurde.

So ähnlich ist es heute mit der Energiewende: Die Möglichkeit, überall aus Sonne und Wind Energie zu gewinnen, und das zu stetig sinkenden Kosten, verändert unser Energiesystem fundamental. Und das mehr als für viele vorstellbar ist. Wir werden eben Kohle, Öl und Erdgas nicht 1:1 mit PV, Wind, (importiertem) Wasserstoff oder Bioenergie ersetzen. Ob und wie viel Energie wir (verlustreich) auch künftig importieren werden, hängt von vielen Faktoren ab: Preise, Verfügbarkeit, Infrastruktur – und vor allem, wie gut wir die Transformation aktiv planen. Mag sein, dass wir auch künftig viel Energie importieren – dazu in einer späteren Folge mehr, aber wir müssen nicht deshalb Energie importieren weil wir hier keinen Platz hätten oder es einfach unzumutbar wäre.

3 Kommentare

  1. Danke für die gut verständliche Erklärung. Ich freue mich schon auf den nächsten Teil der Serie.

  2. Eberhard Holstein

    Hallo Philipp,

    vielen Dank für die gut verständliche Ausarbeitung. Sie betrifft einige der wichtigsten Diskussionspunkte derzeit und scheut nicht vor der Biogas-Frage. Super, werde ich vielfach weiter verlinken!

    Liebe Grüße
    Eberhard Holstein

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